Sächsische Zeitung
14. Oktober 2011,

Tornadodenkmal Großenhain
Stadt erhält ein Tornado-Denkmal

Mit der Idee hypermodern angedeuteter Stadttore ist die Stadt vor Jahren noch mächtig auf die Nase gefallen. Der Künstler-Entwurf hatte unterm Volk schnell den Namen Hungerhaken weg und wurde nie gebaut – zu groß war der Unmut unter den Großenhainern, für solch ein „Ungetüm“ an der Dresdner Straße auch noch Geld auszugeben. Diesmal soll es anders werden. Mit seiner Sicht auf den Tornado gewinnt der Meißner Künstler Matthias Lehmann (36) den Wettbewerb um ein Tornado-Denkmal für Großenhain.

Zum Erlebnisfest der Sinne 2012 soll es im Stadtpark zu sehen sein und die Großenhainer können sich darauf freuen. Denn der Künstler hat

bestimmt den richtigen Ton getroffen, um sie zu begeistern: Eine große Idee, überraschend umgesetzt, mit naturwissenschaftlichem Hintergrund und einem Effekt, der Sinn hat. Ob die Bürger das auch so empfinden, wird sich bald zeigen. Ab nächste Woche ist ein maßstabgetreues Modell im Rathaus ausgestellt.

Und wie sieht ein Denkmal nun aus, das an unglaubliche Verwüstungen, Schock und Naturgewalt erinnern soll? Diese ungeheure Zerstörung innerhalb kürzester Zeit war es auch, die Matthias Lehmann am meisten bewegt hat.

Sturmtrümmer verbaut

Plötzliches Chaos, wo vorher Ordnung war und der Versuch der Menschen, sie wieder in ihr Leben zu bringen. Diese Ordnung, die vermeintliche Festigkeit im Leben symbolisiert ein etwa 3,10 Meter hoher Quader, der oben zu zwei Dritteln aus Glas besteht. Dort drinnen, wie in einer Vitrine ausgestellt, hängen verschiedenste Objekte, die alle tatsächlich durch den Wirbelsturm geflogen sind: Äste, Müll, Blechteile und Dachziegel. Geschützt wie ein Museumsbetrachter können wir uns das Chaos noch einmal anschauen, das dort drinnen tobt und das uns selbst umgeben hat – an diesem Tag und noch lange danach.

Sicher werden in vielen Großenhainern Bilder wach von jenem Pfingstmontag, als Dächer dorfweise abgedeckt, Hallen weggerissen und alte Eichenbäume aus der Erde herausgedreht wurden. Irgendwann werden diese Bilder verblassen, man schaut sie sich in Fotobüchern an und Jüngere werden fragen: Wann war das eigentlich? Dann soll das Tornadodenkmal immer noch Auskunft geben. Deshalb dürfen um das Denkmal herum just keine Bäume wachsen. Denn die Installation aus Tornadoüberbleibseln wirft bei bestimmtem Lichteinfall einige Tage um den 24.Mai herum genau die Konturen des Datums auf den Boden: 24. Mai 2010. Dass der Künstler aus der scheinbar chaotischen Anordnung von Trümmerteilen eine Sonnenuhr gebaut hat, die Exaktheit liefert, ist ein durchdachter Effekt und in der Aussage gelungen. Die Natur bleibt für uns letztlich unbeherrschbar – denn wann das Datum genau erscheint, hängt vom jeweiligen Stand der Sonne ab. Mögen wir noch so sehr alles bestimmen wollen. Birgit Ulbricht